190219 Focus

FOCUS Online portraitiert die Geschäftsführerin des Bundesverbands Kinderhospiz und ihren unermüdlichen Einsatz für lebensverkürzend erkrankte Kinder und deren Familien!

Am Montag, 18. Januar, hat FOCUS Online folgenden Artikel veröffentlicht:

Rund um die Uhr: Wenn ein Kind todkrank ist, hört Sabine Kraft den Eltern zu

Sabine Kraft leitet eine Organisation, die sterbenskranken Kindern Lebensfreude spendet und todtraurige Eltern in ihrem Kummer nicht allein lässt. Das Sorgentelefon Oskar steht rund um die Uhr zur Verfügung – wie lang der Verein das durch Spenden finanzieren kann, steht in den Sternen.

Die Schaltzentrale der deutschen Kinderhospize liegt idyllisch im Schwarzwald, aber gefühlt am Ende der Welt. Sabine Kraft steuert den Bundesverband Kinderhospiz e.V. von ihrem Büro in Lenzkirch aus. In das Dorf zwischen Titi- und Schluchsee führte sie die Liebe. Heute schätzt sie die ländliche Ruhe: „Ich bin beruflich so viel unterwegs, da ist das Leben und Arbeiten hier mitten in der Natur die pure Erholung.“

Die blonde Endfünfzigerin mit den leuchtenden Augen und dem breiten Lächeln hat den Dachverband ab 2002 aufgebaut und führt ihn seither. Ein Dutzend stationäre Kinderhospize, über 70 ambulante Kinderhospizdienste und spezielle Hilfsdienste gehören heute dazu. Seit 2015 ist sie auch Vorsitzende der Internationalen Palliativversorgung.

Filmreife Biographie - aber Erfüllung erst beim Kinderhospiz

Sabine Kraft hatte in ihrem Leben schon viel gemacht, beruflich und privat, bevor sie sich vor 17 Jahren für den Aufbau eines Bundesverbands der Kinderhospize bewarb: Aus Abenteuerlust war sie als Au Pair in den USA, später in Nordirland, in einer Zeit, als der Konflikt zwischen militanten Katholiken und Protestanten besonders blutig war. Für ihre Tochter kam sie zurück in die friedliche baden-württembergische Heimat. Sie arbeitete in der Industrie und als Beraterin sozialer Einrichtungen, sie leitete einen Kindergarten und Pro Familia in Freiburg, studierte nebenbei. „Ich habe ganz viel meine Träume gelebt. Und als der Bundesverband Kinderhospiz in mein Leben kam, wusste ich, das war es, wonach ich gesucht hatte. Ich war angekommen. Anders kann ich es nicht sagen“, erzählt Sabine Kraft von ihrer filmreifen Biographie.

Für den Verband war sie ein Glücksfall: als Betriebswirtschaftlerin eine geschickte Projektleiterin, als Sozialpädagogin mit schwierigen Lebenssituationen vertraut, als verhinderte Kunststudentin ein kreativer Kopf mit tausend Ideen. Eine der besten und vor allem wichtigsten war das „Sorgentelefon Oskar.“

Wenn ein Kind todkrank ist, gibt es immer wieder Momente, in denen Verzweiflung und Hilflosigkeit überhandnehmen – nicht nur zu den Geschäftszeiten. Sabine Kraft nahm oft stundenlange Gespräche entgegen, und fragte sich, wie viele dieser verzweifelten Anrufe ins Leere gingen, weil gerade niemand ans Telefon ging.

Sorgentelefon Oskar - Hospizmitarbeiter stehen rund um die Uhr parat

So entstand die Idee eines Rund-um-die-Uhr-Telefondiensts – mit ausgebildeten Kinderhospiz-Mitarbeitern und einer bundesweiten Datenbank mit allen wichtigen und möglichen Ansprechpartnern, Hilfsdiensten, Notrufen. 2015 ging es los, dank der finanziellen Starthilfe der Deutschen Fernsehlotterie.

Heute arbeiten 40 Mitarbeiter verschiedener Kinderhospize quer durch die Republik im Schichtdienst. Alle Anrufe sind kostenfrei und anonym, es werden keine Daten aufgezeichnet. „Wir haben bei „Oscar“ sogar Stammkunden, die mehrmals am Tag anrufen oder auch gleich wieder auflegen, wenn ihr Lieblingsbetreuer nicht an der Strippe ist.“

Das Sorgentelefon ist Sabine Krafts großer Stolz, mit dem Schauspieler Dieter Hallervorden als prominentem Botschafter. Der Service kostet aber jedes Jahr 360.000 Euro. „Da suche ich noch einen großzügigen Dauerspender. Aber die Telekom will uns nicht einmal die 500 Euro Telefonkosten pro Monat erlassen.“

Stets auf der Suche nach Sponsoren, Spendern, Unterstützern

Sabine Kraft ist die geborene Netzwerkerin und ein Naturtalent darin, andere Menschen für ihre Ideen einzunehmen. Und wer könnte schon Nein zu einer Frau sagen, deren Anliegen es ist, sterbenskranke Kindern und ihre leidgeplagten Familien zu unterstützen?

Und so sprudelt es nur so aus ihr heraus, welche Künstler sie für das jährliche Benefiz-Konzert gewinnen konnte, wer mit einer großen Spende die Weihnachtspäckchen-Aktion für 500 Familien unterstützt, und wen sie alles als Botschafter für den Bundesverband Kinderhospiz gewinnen konnte.

Sabine Kraft hat die seltene Fähigkeit, ihre Warmherzigkeit und ihr Mitgefühl für zum Tode verdammte Kinder und ihre Familien mit Macher- und Manager-Qualitäten zu verbinden. So kann sie Aufmerksamkeit für ihren Verband kreieren und Ideen in funktionierende Projekte umsetzen.
Ein Engel aus Metall: Erinnerungssymbol und Einkaufswagen-Chip

Typisch ist die Geschichte vom „Angel“. Botschafter, Sponsoren und Großspender bekommen statt einer Urkunde eine kleine Statue aus Metall mit Gravur. Der stilisierte Engel ist die Miniversion des Grabsteins von Angelina, einem Mädchen aus der Region, das mit 17 an einem Hirntumor starb. Sabine Kraft hatte ihr kurz vor dem Tod einen Aufenthalt im Europapark Rust mit der Familie verschafft, einen letzten Moment der Unbeschwertheit und des Glücks. Der Vater wollte sich mit der Figur bedanken. Es gibt sie heute auch als „Angel-Chip“, der tatsächlich in Einkaufswagen funktioniert. „Eltern deren Kind gestorben ist, haben immer das Gefühl sie müssten was tun, als ob sie einen Auftrag hätten von ihrem Kind. Und der Auftrag dieser Familie ist es, die Kinderhospizarbeit bekannt zu machen“, sagt Sabine Kraft.

Anders als Hospize für Erwachsene kümmern sich Kinderhospize nicht nur in den letzten Wochen und Tagen um die Todkranken. Die Betreuung kann mit dem Moment der Diagnose einer Krankheit beginnen, die einen tödlichen Verlauf nehmen wird. „Man denkt bei sterbenskranken Kindern meist an Krebs, an Hirntumore. Dabei sind die häufigsten tödlich verlaufenden Erkrankungen Stoffwechsel-, Muskel- und Nervenstörungen, die sich unaufhaltbar verschlimmern“, sagt Sabine Kraft, die schon viele dieser Kinder und deren Familien im Freiburger Raum durch die Krankheit begleitet hat.
„Ich möchte diese Kinder zu Stars machen“

Die Betreuung kann sich über viele Jahre erstrecken, so wie bei Julia (Name geändert). Die Ärzte hatten ihr nach der Geburt nur ein paar Monate gegeben. Mittlerweile ist sie ein Teenager, hellwach und unternehmungslustig, soweit es ihr von der Spinalen Muskelatrophie verkrümmter Körper zulässt. „Seit einem Jahr betreut sie unseren digitalen Jugendclub für Teenager in ähnlicher Situation, die „grüne Bande“. Sie ist so stolz auf diese Aufgabe. Das gibt ihr so viel Lebensmut“, freut sich Sabine Kraft für das Mädchen. Mit den digitalen Möglichkeiten gehe es wunderbar, die Fähigkeiten der schwerstbehinderten Jugendlichen hervorzuheben, findet Sabine Kraft und sagt mit voller Überzeugung: „Ich möchte diese Kinder zu Stars machen.“
Hier können Sie helfen

Wer sich informieren, engagieren oder spenden möchte: www.oskar-sorgentelefon.de oder www.gruene-bande.de oder www.bundesverband-kinderhospiz.de.

40.000 Familien mit einem Kind ohne Aussicht auf langes Leben

Für Sabine Kraft ist die Kinderhospiz-Bewegung nur zu einem kleinen Teil Palliativbetreuung und Begleitung in den Tod. Viel mehr wird versucht, den kranken Kindern zusammen mit ihren Familien eine gute Zeit zu schenken: Ausflüge, einen gemeinsamen Urlaub, Konzertbesuche für die Kids ….

Die Kosten muss der Bundesverband rein durch Spenden finanzieren. Und das bereitet Sabine Kraft Sorgen: „Wir führen einen ständigen Kampf ums Überleben. Geld ist einfach unser ewiges Problem. Das raubt so viel Energie, die wir bräuchten, um den Familien noch besser helfen zu können.“

Immerhin sind es in Deutschland 40.000 Familien, die es aushalten müssen, dass ein Kind an einer lebensverkürzenden Krankheit leidet und sterben wird. Am liebsten würde Sabine Kraft für sie alle da sein.

FOCUS Online:Unsere wahren Helden

In der Serie "Unsere wahren Helden" stellen wir in 100 Porträts Menschen vor, die Deutschland weiterbringen. Wir besuchen sie in ihren Vereinen, ihrem Ort oder ihrem Stadtviertel – und zeigen, wie sie unsere Gesellschaft zum Besseren verändern.

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